Zwei mehr oder minder erfolgreiche Jahr später, die Effenberg inklusive Abstieg und Wiederaufstieg bei der Fiorentina verbrachte, kam dann der Moment, der für immer an ihn erinnern sollte. Kein Tor, kein Titel, sondern eine einzige Geste, die ihn von einer ohnehin bereits äußerst umstrittenen Figur zum "Staatsfeind Nummer eins" machte. Bei der WM 1994 in den USA stand Effenberg mit 25 Jahren in der Blüte seines Schaffens, war auf dem Spielfeld körperlich dominant, spielerisch brillant und damals sicherlich einer der besten Mittelfeldakteure Europas.
Schlagzeilen sollte es allerdings nicht wegen seiner Leistungen geben, sondern aufgrund einer Sache, die ihn bis zum heutigen Tag verfolgt. Im abschließenden Gruppenspiel gegen Südkorea führte das DFB-Team bereits zur Pause souverän mit 3:0, nach der Pause entglitt die Partie jedoch bei 48 Grad im Glutofen von Dallas. Letztlich gelang es, ein knappes 3:2 über die Zeit zu retten, die mitgereisten deutschen Fans zeigten sich angesichts der mauen Leistung des klaren Favoriten aber wenig begeistert.
Mit Pfiffen machten sie ihrem Unmut vor allem Mitte der zweiten Hälfte lautstark Luft. Als Effenberg in der 75. Spielminute von Bundestrainer Berti Vogts entkräftet vom Platz genommen und durch Thomas Helmer ersetzt wurde, brach ein regelrechtes Pfeifkonzert aus. Doch anstatt darüber zu stehen und der Empörung keine weitere Beachtung zu schenken, ließ sich Effenberg von seinen Gefühlen und seiner Erschöpfung übermannen. Er drehte sich zur Tribüne und zeigte den Mittelfinger in Richtung der Fans. Doch nicht nur für einen kurzen Moment, nicht im Joggen in Richtung Ersatzbank. Nein. Effenberg stand da, ruhig, bewusst, trotzig und streckte den verdutzten Zuschauern die provokante Geste mitten ins Gesicht.
Und obwohl es bis heute keinerlei Dokumentation von dieser Szene gibt, ist "Effes" Mittelfinger an die eigenen Fans eines der einprägsamsten Bilder der deutschen WM-Geschichte geworden.
Die Reaktionen darauf sollten nicht lange auf sich warten lassen. In der heimischen Presse überschlug sich die Empörung und auch der DFB ließ mit disziplinarischen Maßnahmen nicht lange auf sich warten. DFB-Präsident Egidius Braun und der ohnehin heftig kritisierte Bundestrainer Vogts berieten sich noch in der Nacht darüber, was mit Effenberg passieren sollte. Letztlich wurde an ihm ein Exempel statuiert, so ist zumindest die Meinung der Spieler von damals noch heute.
Denn diese Mannschaft von 1994, sie war schlichtweg keine. Es war ein Team, getrieben von zu vielen Egos. Die Causa Bodo Illgner und die Spielerfrauen-Debatte schlug hohe Wellen. Da gab es zudem das öffentliche Zerwürfnis zwischen Kapitän Matthäus und Vogts. Die ständigen und beißenden Kommentare vom Kaiser Franz Beckenbauer als Experte und Kolumnist der Bild vor Ort in Richtung seines Nachfolgers. "Vogts wurde sturmreif geschossen", so lautet der Tonus von Zeitzeugen in einer herausragenden ARD-Dokuserie über das Versagen des DFB-Teams in den USA anno 1994.
Die Undiszipliniertheiten, das missbrauchte Vertrauen, das Vogts im Turnierverlauf bei seinen Spielern feststellen musste - all das durfte am Ende Effenberg ausbaden. Weil er sich weigerte, sich öffentlich zu entschuldigen, wurde er letztlich aus dem Kader geworfen und sofort nach Hause geschickt. Keine Bankstrafe, keine Geldbuße, stattdessen die Heimreise in Schande. Weil nahezu alle Spieler kein Verständnis für ein solch hartes Durchgreifen für so eine "Lappalie" hatten, trieb der Effenberg-Rauswurf einen weiteren Keil zwischen Vogts und die Mannschaft.
"Dann hätten sie mindestens noch vier oder fünf andere rausschmeißen müssen", erinnert sich Mario Basler in der ARD an die verhängnisvolle Mittelfinger-Affäre. Am Ende verabschiedete sich die DFB-Elf sensationell als amtierender Weltmeister im Viertelfinale gegen Bulgarien aus dem Turnier. Und Effenberg?
Seine Karriere in der Nationalmannschaft war mit dem Affront quasi beendet. Die Partie gegen Südkorea war das letzte Pflichtspiel, welches Effenberg für eine DFB-Auswahl jemals bestreiten sollte. Abgesehen von zwei Freundschaftsspielen im September 1998 gegen Malta und Rumänien, als er für 180 Minuten und das auch noch unter Vogts' Ägide noch einmal ins deutsche Trikot zurückkehren durfte, war es um Effenbergs DFB-Laufbahn geschehen. Nicht wegen einer Verletzung, nicht wegen mangelnder Form, sondern weil er sich zwei Sekunden lang nicht beherrschen konnte.